Uralte Familienchronik überstand verheerenden Luftangriff auf Freiburg am 27. November 1944 und wird an die Universitätsbibliothek übergeben
Dass der Universitätsbibliothek wertvolle Geschenke angeboten werden, ist zwar nicht ungewöhnlich – hinter dieser Schenkung verbirgt sich jedoch eine für die Stadt Freiburg besonders interessante, ja anrührende Geschichte. Das Exemplar der Dasselischen und Einbeckischen Chronik stammt aus dem Besitz der Großmutter Frank Antonsens, der Baroness Hanna von Minnigerode (1887-1957), die gemeinsam mit ihrer Mutter Olly von Minnigerode (1866-1942) auf dem Freiburger Hauptfriedhof bestattet ist. Die Familie von Minnigerode gehört – wie auch die Familie von Dassel – zum niedersächsischen Uradel und war ansässig in der Nähe von Göttingen. Die Chronik erzählt neben der Geschichte der Familie von Dassel auch diejenige der Familie von Minnigerode, weswegen das Buch als kostbares Dokument der eigenen Geschichte über viele Generationen hinweg in der Familie vererbt wurde.
Der Schenker Frank Antonsen, Enkel der Hanna von Minnigerode, erklärt, dass er die Chronik der Universitätsbibliothek Freiburg nicht nur deswegen schenken möchte, weil er selbst gebürtiger Freiburger ist und das Buch die Geschichte seiner bis ins Mittelalter zurückreichenden Familie erzählt. Vielmehr sei der Körper des Buches selbst untrennbar mit der physischen Geschichte der Stadt Freiburg verbunden:
„Some pages have discoloured portions from water damage. The book survived the November 1944 aerial bombing of Freiburg, when the red roofing tiles were blown off our Mozartstraße-home and rain got into many of our possessions.”
In der von Frank Antonsen verfassten, unpublizierten Biografie seiner Mutter Renate Antonsen (1921-2015) schildert er durch ihre Augen die Bombennacht des 27. November 1944 in dramatischer Unmittelbarkeit:
“I pushed two months old Frank in his little basket to that hallway and I grabbed my fake fur coat and put it on. The blast had blown off our roof tiles and shattered all the windows, making the interior of house quite cold. I got my mother a coat and a blanket to make her as comfortable as possible and pulled the hood of my coat over my head. Just then another bomb blast knocked a case off the top of an armoire and instinctively I leaned over Frank’s crib to protect him. The case hit me on the head, but luckily the thick hood absorbed most of the impact. Plaster was raining down so I had to keep my body over Frank’s basket. Frank didn’t cry. He didn’t say boo.“ (The funny old lady, S. 137).
Auf diese Weise erzählt Frank Antonsen in „The Funny Old Lady – The Life and History of Renate Antonsen“ die Geschichte seiner Familie im 20. Jahrhundert, ähnlich wie die „Dasselische und Einbeckische Chronik“ die Geschichte seiner Vorfahren im Mittelalter aufzeichnet.
Das Familienexemplar hat die Bombardierung Freiburgs überlebt und ist damit ein Zeugnis sowohl der mittelalterlichen Geschichte der Familie von Minnigerode, als auch der Freiburger Stadtgeschichte des 20. Jahrhunderts. Durch die großzügige Schenkung wird dieses Kulturgut der Allgemeinheit und nachfolgenden Generationen zugänglich gemacht.
Digitalisat der "Dasselischen und Einbeckischen Chronik"