![Schreiben des Polizeidirektors, Abteilung Jüdisches Vermögen, an den Direktor der UB vom 11.12.1940 (UAF B6/854) [Ausschnitt] Ausschnitt eines maschinenschriftlichen Schreibens des Polizeidirektors, Abteilung Jüdisches Vermögen, an den Direktor der UB vom 11.12.1940](/fileadmin/_processed_/3/d/csm_UAF_B6-854_6f32562191.jpg)
Schreiben des Polizeidirektors, Abteilung Jüdisches Vermögen, an den Direktor der UB vom 11.12.1940 (UAF B6/854) [Ausschnitt]
Ein besonderer Fokus liegt auf NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut, das im Zuge der systematischen Verfolgung und Enteignung durch den nationalsozialistischen Staat in öffentliche Einrichtungen gelangte. Besonders betroffen war die jüdische Bevölkerung, aber auch politische sowie weltanschauliche Gegner des Regimes, etwa Freimaurer, religiöse Minderheiten, anthroposophische und okkultistische Vereinigungen oder pazifistische und humanistische Organisationen.
Die Universitätsbibliothek Freiburg (UB) prüft erstmals systematisch ihre Bestände auf sogenanntes NS-Raubgut. Damit übernimmt sie Verantwortung für ihre Sammlungsgeschichte und schließt eine Lücke in der Provenienzforschung in Baden-Württemberg. Das vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderte Projekt läuft von Dezember 2025 bis November 2027.
Im Mittelpunkt stehen rund 40.500 Bände aus dem Erwerbungszeitraum 1933 bis 1950. Unter diesen befindet sich die Bibliothek des Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP). Deren Bestand ist seit 1973 Teil der UB und öffentlich zugänglich.
Ziel ist es, mögliche unrechtmäßige Zugänge zu identifizieren, ihre Herkunft zu klären und die Ergebnisse transparent zu dokumentieren – unter anderem in den Datenbanken des Deutschen Zentrums für Kulturgutverluste Magdeburg (Lost Art und Proveana). In der Folge sollen rechtmäßige Eigentümerinnen und Eigentümer oder deren Erbinnen und Erben ermittelt und im Sinne der Washingtoner Prinzipien und der Gemeinsamen Erklärungen gerechte und faire Lösungen gefunden werden.
Provenienzforschung befasst sich mit der Herkunft und der Besitzgeschichte von Kulturgütern. In Bibliotheken bedeutet dies vor allem die systematische Untersuchung von Büchern und anderen Medien auf die Frage hin: Wann und auf welchem Weg sind sie in den Bestand gelangt und wer war zuvor die rechtmäßige Eigentümerin oder der rechtmäßige Eigentümer?
Hinweise auf problematische Provenienzen finden sich beispielsweise in Besitzvermerken wie Exlibris, Stempeln, handschriftlichen Einträgen oder Widmungen. Anhand dieser Spuren wird die Besitzgeschichte jedes einzelnen Buches rekonstruiert und historisch eingeordnet.
Die Arbeit der Provenienzforschung in Kultur- und Gedächtnisinstitutionen orientiert sich dabei an den international anerkannten „Washingtoner Prinzipien“ von 1998. Diese legen den Umgang mit Kulturgütern fest, die während der Zeit des Nationalsozialismus entzogen wurden. Diese Grundsätze bilden das Fundament für eine transparente Recherche sowie für den verantwortungsvollen Umgang mit identifizierten verdächtigen Beständen. In Deutschland werden sie durch die „Gemeinsame Erklärung“ von Bund, Ländern und kommunalen Spitzenverbänden aus dem Jahr 1999 konkretisiert. Sie fordert öffentliche Einrichtungen wie Bibliotheken, Museen und Archive dazu auf, NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut in ihren Beständen zu identifizieren und gemeinsam mit den Berechtigten nach fairen und gerechten Lösungen zu suchen.
Die Umsetzung dieser Grundsätze schließt die Suche und Kontaktaufnahme mit den rechtmäßigen Eigentümerinnen und Eigentümern oder deren Erbinnen und Erben sowie – sofern möglich – die Restitution der betroffenen Objekte ein. Um die Ergebnisse der Provenienzforschung transparent zu machen, werden relevante Erkenntnisse in zentralen Forschungs- und Dokumentationsdatenbanken veröffentlicht, insbesondere in der Proveana- und der Lost Art-Datenbank des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste. Die Provenienzforschung leistet damit nicht nur einen Beitrag zur historischen Aufarbeitung des Nationalsozialismus, sondern übernimmt auch eine wichtige ethische Verantwortung.
Die Universitätsbibliothek Freiburg versteht Provenienzforschung als fortlaufende Aufgabe – auch im Hinblick auf NS-Raubgut. Durch Transparenz, Dokumentation und Kooperation mit anderen Einrichtungen trägt sie dazu bei, die Geschichte ihrer Bestände kritisch zu reflektieren und sichtbar zu machen.
Die UB Freiburg führt ihr erstes systematisches Forschungsprojekt zur Aufklärung von NS‑verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut (NS‑Raubgut) durch. Das Projekt konzentriert sich auf rund 40.500 Bände aus den zentralen Beständen der UB sowie der Spezialbibliothek des IGPP und wird durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste gefördert.
Mit der Untersuchung ihrer Bestände trägt die UB Freiburg dazu bei, die Provenienzforschung in Baden-Württemberg zu vervollständigen. Sie ergänzt damit die bereits durchgeführten NS-Raubgut-Studien der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart, der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe sowie der Universitäten Heidelberg und Mannheim. An der UB Freiburg wurde bereits im Sommersemester 2023 ein Seminar zur Provenienzforschung in Kooperation mit dem Historischen Seminar durchgeführt, aus dem erste methodische Ansätze und Erkenntnisse für das aktuelle Projekt hervorgegangen sind.
Um die Provenienzforschung weiter zu intensivieren, bitten wir Kolleginnen, Kollegen sowie Nutzerinnen und Nutzer, uns verdächtige Vermerke mitzuteilen (siehe Kontaktbox).
Deutsches Zentrum Kulturgutverluste (DZK)

Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) Freiburg
01.12.2025 – 30.11.2027
Alker, Stefan, Köstner, Christina und Stumpf, Markus (Hg.): Bibliotheken in der NS-Zeit. Provenienzforschung und Bibliotheksgeschichte. Göttingen 2008. [Online]
Aly, Götz, Herbert, Ulrich und Heim, Susanne: Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933 – 1945. Berlin 2008.
Bertz, Inka und Dorrmann, Michael (Hg.): Raub und Restitution. Kulturgut aus jüdischem Besitz von 1933 bis heute. Berlin 2008.
Blimlinger, Eva und Schödl, Heinz (Hg.): Die Praxis des Sammelns. Personen und Institutionen im Fokus der Provenienzforschung. (Schriftenreihe der Kommission für Provenienzforschung 5). Wien 2014.
Burghart, Antje: Der Umgang mit NS-Raubgut in ausgewählten Bibliotheken in Deutschland untersucht anhand ihrer Webangebote. Berlin 2011.
Briel, Cornelia: Die Bücherlager der Reichstauschstelle. Frankfurt 2016.
Deutsches Zentrum Kulturgutverluste (Hg.): Periodikum "Provenienz & Forschung". [Online]
Hausmann, Frank-Rutger: Hans Bender (1907 - 1991) und das "Institut für Psychologie und Klinische Psychologie" an der Reichsuniversität Straßburg: 1941 – 1944. Würzburg 2006.
Reifenberg, Bernd (Hg.): Die Suche nach NS-Raubgut in Bibliotheken Recherchestand, Probleme, Lösungswege; [Veröffentlichung der Beiträge zu einer Veranstaltung auf dem 94. Deutschen Bibliothekartag, Düsseldorf 15. - 18.3.2005]. Marburg 2006.
Riedweg, Eugèn: Strasbourg, ville occupée 1939 - 1945; la vie quotidienne dans la capitale de l'Alsace durant la Seconde Guerre Mondiale. Steinbrunn-Le-Haut 1982.
Toussaint, Ingo: Die Universitätsbibliothek Freiburg im Dritten Reich. München 1984. [Online]
Wegmann, Heiko: Dunkle Wolken über Freiburg. Nationalsozialistische Bücherverbrennungen, "Säuberungen", Enteignungen. Ubstadt-Weiher 2023.