EUCOR-Bibliotheksinformationen - Informations des bibliothèques: 3 (1993)
Schwerpunktthema: UB Karlsruhe


Das Bibliothekssystem der Universität Karlsruhe


Liselotte Eckl und Michael Mönnich


1. Historischer Abriß

1.1 Der Anfang

Die Universität Karlsruhe wurde 1825 als Polytechnische Schule gegründet. Eine zentrale Bibliothek - die heutige Universitätsbibliothek [1] - entstand erst 1840. Neben ihr haben sich zahlreiche in Verwaltung und Literaturauswahl eigenständige Instituts- und Lehrstuhlbibliotheken gebildet und weiter entwickelt, mit z.T. recht großen und gut sortierten Beständen. Diese Bestände wurden nur intern erschlossen und standen in der Regel ausschließlich den Mitarbeitern der jeweiligen Einrichtung zur Verfügung. Diese Struktur eines zweischichtigen Bibliothekssystems hat auch heute noch Bestand.


1.2 Erste Schritte im Bibliothekssystem

Ende der 60er Jahre dieses Jahrhunderts wurde an der Universität Karlsruhe damit begonnen, schrittweise ein Bibliothekssystem aufzubauen, wobei man sich an den Empfehlungen des Wissenschaftrates und der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur Zusammenarbeit zwischen den Hochschulbibliotheken und den Institutsbibliotheken orientierte. Die UB richtete dazu Ende 1967 eine eigene Abteilung ein, die Aufgaben für das Bibliothekssystem wahrnehmen sollte, die heutige Abteilung für das Bibliothekssystem.

Ein erster Versuch zwischenbibliothekarischer Zusammenarbeit war das 1968 entstandene alphabetische Verzeichnis der an der Universität Karlsruhe laufend gehaltenen Zeitschriften, nebst Nachtragsband und systematischem Teil. Es war der erste Nachweis dieser Art in der Universität und wurde allgemein als große Hilfe bei der Suche nach wissenschaftlicher Literatur begrüßt.

1970 wurde in der UB mit dem Aufbau eines Kataloges der Institutsbibliotheken (IK) begonnen, der die Monographien, Schriftenreihen und Fortsetzungswerke dieser Bibliotheken nachweist. Aus personellen Gründen und wegen der schnelleren Verfügbarkeit der Literaturnachweise für den Benutzer entschied man sich, vorhandene Titelaufnahmen der Institutsbibliotheken zu verwenden und sie nicht durch Mitarbeiter der UB per Autopsie neu zu erstellen. Den Grundstock des IK bildeten demnach die kopierten alphabetischen Kataloge aus 12 Institutsbibliotheken, in den nach und nach die Kataloge weiterer Fakultäts- und Institutsbibliotheken aufgenommen wurden. Diese Katalogkopien und die anschließend regelmäßg gelieferten Titelaufnahmen von Neuerwerbungen wurden in der UB so gut als möglich überarbeitet und im IK zusammengeführt. Die Grundlage für die Titelaufnahmen und deren Ordnung bildeten von Beginn an die RAK-WB in ihren jeweiligen Ausarbeitungsstufen.

Seit 1992 werden die der UB gemeldeten Institutsaufnahmen mit dem Katalogisierungs- und Recherchesystem KARIN erfaßt und zusätzlich mit dem angeschlossenen Drucker Katalogkarten für den IK erstellt. In diesem Jahr wurde auch begonnen, den seit 1970 bestehenden Katalog zu rekonvertieren. In absehbarer Zeit kann der IK-Kartenkatalog abgebrochen und als Online-Katalog angeboten werden. Am IK nehmen heute 33 Institutsbibliotheken teil.

Darüber hinaus begann die UB Anfang der 70er Jahre zur Verbesserung der Bibliotheksverwaltung Kurse für die nichtbibliothekarischen Betreuer der sonstigen Bibliotheken der Universität durchzuführen. Die Kurse à 25 Stunden umfaßten alle Bereiche der Bibliotheksverwaltung, insbesonders Übungen in der Katalogisierung (nach RAK-WB). Für die "Katalogisierer" in den Institutsbibliotheken wurde vom damaligen Leiter der UB, Dietrich Poggendorf, als Hilfe eine Anleitung mit Beispielsammlung verfaßt [2].

Alle diese Aktivitäten mußten mit geringem Personaleinsatz durchgeführt werden, da die UB zum Aufbau des Bibliothekssystems und besonders zum Aufbau des IK im Gegensatz zu anderen Bibliotheken des Landes keine zusätzlichen Personalstellen und keine zusätzlichen Sachmittel erhielt. Der Aufbau des IK ging zu Lasten der übrigen Arbeiten der UB, die Sachausgaben für den IK zu Lasten der Literaturerwerbung.


1.3 Schwerpunkte bei der Entwicklung

Beim Aufbau des Bibliothekssystems mußten aus den oben genannten personellen Gründen Schwerpunkte gesetzt werden, die für die bibliothekarische Zusammenarbeit in der Universität und auch im Lande besonders wichtig waren und den größten Nutzeffekt versprachen. Das waren vor allem

Weitere Zusammenlegungen kleiner Bibliotheken zu größeren Einheiten sind zwar wünschenswert, konnten aber bisher aus räumlichen Gründen, z.T. aber auch wegen fehlender Unterstützung seitens der Institutsleitungen nicht durchgeführt werden.


1.4 Koordination

Die Arbeiten am Bibliothekssystem werden heute durch Universitätsgremien unterstützt. Der Senat der Universität berief 1970 gem. der Grundordnung der Universität Karlsruhe v. 24.4.1969 eine Kommission für die Universitätsbibliothek, deren Aufgabe u.a. die Erarbeitung einer Bibliotheks-Rahmenordnung, gleichzusetzen mit einer Verwaltungsordnung, war. Diese Rahmenordnung sollte die Zusammenarbeit zwischen der UB und allen übrigen Bibliotheken der Universität mit dem Ziel einer für die Universität zweckmäßigen Literaturversorgung regeln.

Nach Novellierung des Universitätsgesetzes (UG), das im 30 die Regelungen für das Bibliothekswesen beschreibt, wurde die Senatskommission 1974 durch den Ausschuß für das Bibliothekssystem abgelöst.

Der Ausschuß hat sich u.a. mit einer Verfahrensregelung der Literaturabsprache innerhalb der Universität gemäß den Bestimmungen des 30, Abs. 2 des UG befaßt. Es wurde ein entsprechendes Abstimmungsformular erarbeitet, mit dem seit Anfang 1978 bei der Universitätsbibliothek die Wünsche zur Literaturerwerbung zur Absprache eingereicht werden müssen. Da der Ausschuß es nicht für nötig erachtete, ein geeignetes Instrument zur Kontrolle der Literaturabsprache einzuführen, muß mit einer unbekannten Dunkelziffer gerechnet werden.

Mit der Ausarbeitung einer Verwaltungsordnung für das Bibliothekssystem der Universität Karlsruhe befaßte sich der Ausschuß seit Bestehen. Der erste Entwurf wurde jedoch vom Senat zunächst zurückgestellt. Erst als der Wissenschaftsrat 1990 in seiner Stellungnahme zum Erweiterungsbau der UB die Genehmigung des Antrags vom Vorliegen einer Verwaltungsordnung abhängig machte, wurde eine endgültige Fassung ausgearbeitet, die schließlich am 19.2.1991 rechtskräftig wurde [3].

Aufgrund der nun vorhandenen Verwaltungsordnung kann der Ausschuß jetzt Richtlinien der Erwerbung, der Bibliotheksorganisation und -verwaltung ausarbeiten. Eine erste Richtlinie über die Aussonderung von Literaturbeständen aus Institutsbibliotheken wurde inzwischen erlassen. Eine vom Ausschuß verabschiedete Musterbenutzungsordnung für Fakultätsbibliotheken und größere Institutsbibliotheken liegt z.Zt. dem Ministerium für Wissenschaft und Forschung zur Zustimmung vor. Für die Benutzung und Verwaltung kleinerer Bibliotheken mit der Größe von Handbibliotheken bzw. Handapparaten genügt eine Richtlinie, die der Ausschuß noch erlassen wird.


2. Heutiger Stand des Bibliothekssystems

2.1 Umfang und Größe

Das Bibliothekssystem der Universität Karlsruhe besteht heute aus der zentralen Universitätsbibliothek mit ihren beiden Fachlesesälen für Chemie und für Physik und 140 Fakultäts-, Instituts- und Lehrstuhlbibliotheken [4]. Die Bibliotheken gehören den Gesamteinrichtungen, den 12 Fakultäten sowie einigen interfakultativen Einrichtungen der Universität an. Der in diesen Bibliotheken, einschließlich UB, vorhandene Gesamtbestand umfaßt ca. 1,5 Mio. Bände und ca. 8.000 laufend gehaltene Zeitschriftentitel. Etwa die Hälfte dieses Bestandes und der Zeitschriftenabonnements sind im Besitz der UB, die knappe andere Hälfte ist dezentral auf die 140 weiteren Bibliotheken verteilt.

Die 140 Fakultäts-, Instituts- und Lehrstuhlbibliotheken nach Beständen aufgeschlüsselt:

Fak.-Bibl.Instituts- und Lehrstuhlbibliotheken
10.000-60.000 Bde> 20.000 Bde10-20.000 Bde5-10.000 Bde< 5.000 Bde
461214104


Innerhalb der einzelnen Fakultäten ist die Bibliotheksstruktur recht unterschiedlich. Während bei den Fakultäten für Mathematik und Informatik ausschließlich die jeweilige Fakultätsbibliothek die Literaturversorgung für die gesamte Fakultät übernimmt, bestehen bei den Fakultäten für Architektur und Wirtschaftswissenschaften neben der zentralen Bibliothek weitere Instituts- und Lehrstuhlbibliotheken. Eine Änderung dieser Situation ist trotz Bemühungen der UB bis jetzt nicht in Sicht.

Die Fakultäten Chemie und Physik werden durch die UB in den Fachlesesälen mit Literatur versorgt. In den übrigen 6 Fakultäten wird mangels zentraler Bibliotheken die Literatur von Instituts- und Lehrstuhlbibliotheken erworben und dort aufgestellt. Institute dieser Fakultäten sind meist über den ganzen Universitäts-Campus verteilt oder befinden sich außerhalb auf dem Gelände des Kernforschungszentrums oder in der 7 km entfernten Westhochschule. Dieser Umstand erschwert auch die Koordination bei der Literaturerwerbung und -aufstellung.


2.2 Zugänglichkeit

Alle Bibliotheken des Bibliothekssystems müssen die Mitglieder der Universität zur Benutzung zulassen. Benutzungsregelungen und Öffnungszeiten der einzelnen Bibliotheken sind recht unterschiedlich und meist abhängig von den Räumlichkeiten und der personellen Besetzung. Die Fakultätsbibliotheken haben große Lesesäle mit geregelten, an die UB angeglichenen Öffnungszeiten. Bei den übrigen Bibliotheken gibt es z.T. feste Öffnungszeiten - während der ganzen Woche oder auch nur tageweise - z.T. muß der Zugang vorher telefonisch vereinbart werden. Die Bibliotheken sind in der Regel Präsenzbibliotheken, entleihen aber an die Angehörigen der eigenen Einrichtung. Bei den Fakultätsbibliotheken können großteils auch Studenten ausleihen.

Die Öffnungszeiten und die Benutzungsmöglichkeit der jeweiligen Bibliothek sind im Bibliotheksführer der Universität Karlsruhe nachgewiesen.


2.3 Personal

Die 6 Fakultätsbibliotheken bzw. Fachlesesäle und 5 der Instituts- und Lehrstuhlbibliotheken werden von bibliothekarischen Fachkräften verwaltet. Die übrigen Einrichtungen haben kein Fachpersonal. Diese Bibliotheken werden z.T. vom Personal der jeweiligen Einrichtung nebenbei mitverwaltet, großteils aber von studentischen Hilfskräften betreut. Durch den häufigen Wechsel der studentischen Hilfskräfte und das unterschiedliche Engagement der einzelnen Bibliotheksbetreuer wird die Kontinuität in einer Bibliothek oft nicht gewahrt. Die UB versucht, sofern sie davon Kenntnis erhält, bei einem Wechsel die neuen Mitarbeiter in die wichtigsten Bereiche der Bibliotheksverwaltung einzuweisen.


2.4 EDV-Einsatz

In einigen Bibliotheken der Universität Karlsruhe werden bereits bibliothekarische Arbeiten mittels EDV erledigt. Besonders seien hier erwähnt


3. Die Zukunft des Bibliothekssystems

Ausgehend vom heutigen Stand strebt die Universitätsbibliothek eine Entwicklung des Bibliothekssystems in folgende Richtungen an:

Die UB wird sich bemühen, daß die bestehenden zahlreichen Klein- und Kleinstbibliotheken in der Universität in stärkerem Maße als bisher kooperieren, mit dem Ziel der Schaffung von größeren Bibliothekseinheiten. Diese größeren Einheiten wären z. B. auf Fakultätsebene anzusiedeln und sollten von Fachpersonal betreut werden. Schritte auf diesem Weg sind die Einführung einer einheitlichen EDV-Katalogisierung, dann die verwaltungstechnische Zusammenfassung von Einzelbibliotheken und schließlich die räumliche Zusammenlegung der Bestände.

Angesichts der steigenden Kosten für Literatur (und Personal) müssen die Möglichkeiten, welche die neue Informationstechnologie eröffnet, konsequent genutzt werden. In diesem Bereich ist die Universität Karlsruhe gegenüber vielen anderen Universitäten im Vorteil, da sie als technische Universität bereits über eine gut entwikelte Infrastruktur im Bereich der Informationstechnologie verfügt und die meisten der Institute sich auf einem zusammenhängenden Campus befinden. Spätestens bis zum Ende der 90er Jahre werden alle Universitätseinrichtungen an das Universitätsnetz angeschlossen sein. Dies eröffnet für die Kooperation im Bibliothekssystem folgende Möglichkeiten:


Vor diesem Hintergrund wird die Universitätsbibliothek in nächster Zukunft anstreben, daß insbesondere die lokalen Kataloge in den Bibliotheken der Universität als EDV-Kataloge angeboten werden. Als Mittel hierzu dient vor allem der Einsatz von KARIN zur EDV-Katalogisierung unter Nutzung von Fremddaten aus dem SWB. Die Kataloge der Universitätsbibliothek - IK und UB-Katalog - werden online angeboten, ein Nachweis anderer interessanter Bestände z.B. der Badischen Landesbibliothek, der Hochschulbibliothek oder auch der Stadtbibliothek wird folgen.




 
[1] Vgl. Stamm, A.: Die Universitätsbibliothek Karlsruhe im historischen Überblick. - in diesem Heft
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[2] Poggendorf, D.: Anleitung für die Katalogisierung in Institusbibliotheken. Pullach 1974. (Bibliothekspraxis; 8)
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[3] Ersch. in: Amtliche Bekanntmachungen der Universität Karlsruhe (TH) 1991, Nr.3.
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[4] s. Bibliotheksführer der Universität Karlsruhe. 2. Aufl. 1990.
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[5] Vgl. Mönnich, M.: Karlsruher Informationssystem KARIN für Institutsbibliotheken. - In: EUCOR-Bibliotheksinformationen Nr. 2 (1993) S.17-20.
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