§ 4. Exkurs
Die Urteilsanalyse und das Verständnis des "Nichts" bei Gustav Siewerth

Die im "ersten Urteil" implizierte Negation "einer ursprünglichen Gegenbewegung" beschreibt G. Siewerth näher wie folgt.

"Wird nun das Urteil als eine Weise von Einigung begriffen ..., so liegt offenbar eine ursprüngliche Differenz vor, die in der Erkenntnis überwunden wird. Da nun aber vom Sein nur das Nichtsein verschieden ist, so liegt die ursprüngliche Differenz außerhalb des Seins als solchen. Sie entspringt daher notwendig der auffassenden Vernunft, die das Seiende unter die Hinsicht des Nichtseins stellt ...

Welchen Charakters dieses 'Nichtsein' sei, ob es das absolute Nichtsein sei, das 'die Vernunft als solche in sich erfaßt' ... und das ohne Vernunft im Sein nicht angetroffen wird, oder ob es das Nichtsein der Erscheinung gegenüber der Substantialität oder beides zumal sei, sei hier nicht eigens erörtert. Entspringt es dem Denken als absoluter Teilnahme, so bedeutet es jene Bewegung, durch welche der Geist als Geist die einfache Positivität ermißt, indem er das Nichtsein entwirft, um darin die Positivität als solche zu begreifen. Bedeutet es aber das Nichtsein der Erscheinung, so entspringt es daher, daß das Sein in der Form äußerer akzidenteller, unmittelbarer Gegebenheit seine intelligible (substantielle) Einheit gegen andere Bestimmungen dadurch findet, daß es sich als Wesenheit dem gleichgültigen Wechsel widersetzt" (1).

Die Durchdringung dieses zweifachen "Charakters" des Nichtseins - der ursprüngliche Entwurf des Nichts durch die Vernunft und das Nichts in der Differenz des Seienden (seine Differenz zwischen An-sich-sein und Erscheinung, substantieller Einfalt und akzidenteller Mannigfalt usw.) hat Siewerth während seines ganzen Schaffens beschäftigt. Die - in der oben zitierten Stelle offengelassene - nähere Bestimmung des Verhältnisses zwischen beiden Weisen des Nichts hat dabei in der Entwicklung des Siewerthschen Werkes eine verschiedene Akzentuierung erfahren. Wir können hier nur auf einige im Hinblick auf den von uns vorgelegten Gedankengang besonders wichtige Linien im Werk Siewerths eingehen.

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4.1 Das Nichts in der empfangenden Vernunft

Das ursprüngliche Nichts im Vernehmen des menschlichen Geistes - "der 'ideelle Abgrund' der Vernunft..., in welchem sie das Nichts in sich erfaßt" (2) -, hat Siewerth wohl am zutreffendsten in seinem Aufsatz "Definition und Intuition" (3) gekennzeichnet. Es entspringt im ursprünglichen Vernehmen des Seins selbst.

"Denn jede Empfängnis oder Hinnahme 'hebt' notwendig 'an', so daß eine vernehmende Anschauung nicht denkbar ist ohne das Gedächtnis ihres Anfangs und Noch-nicht-Seins. Sofern aber der ganze Vorgang der 'Erscheinung' den Charakter eines Heraufgangs und Werdens hat, hält sich die vernehmende Vernunft ursprünglich im Elemente des Nichtseins, des Anfangenden, Kommenden und insofern des Bestandlosen. Das Offenbarwerden des Seins ereignet sich nur, indem es zunächst oder gleich ursprünglich das Vernehmen mit dem ihm und der Erscheinung eigenen Nichtsein übereignet. Dieses innere Nichtsein im Erkennen ist gleichsam der Äther der Vernunft, den sie nur gewahrt, wenn Seiendes erscheint, der aber nur ins Walten und ins Helle einer Sicht kommt, um sofort und gleichursprünglich vom Sein überwaltet und überlichtet zu werden. Dann leuchtet unmittelbar das Wesenswort oder das Wesenslicht des Seins auf, indem es sich als Nichtnicht-Sein, als Negation einer Negation und somit als Bestand ausweist, der vom Nicht her weder treffbar noch auflösbar ist. Das erste Vernehmen des Seienden und des Seins ist daher keine 'einfache Hinnahme', kein 'Begriff' und keine 'intentio', sondern ein urteilendes, durchmessendes Begreifen des Seins, eine 'conceptio entis' und in keinem Betracht ein conceptus; wobei das in der Rezeptivität einer endlichen Vernunft gelegene Maß des Nicht-seins vom Sein her abgewiesen und entmächtigt wird" (4).

Diese Kennzeichnung des Nichtseins der Vernunft entspricht weitgehend dem, was wir oben (5) zu dem im Augenblick des Staunens anfänglichen Vernehmen des Nichts sagten. Mit Siewerth stimmen wir darin überein, daß das ursprüngliche Ereignis der Wahrheit keineswegs eine "bloße Hinnahme" im Sinne eines einfachen "Seins-Begriffs", sondern der Durchgang durch eine ebenso ursprüngliche Differenz ist. Bestimmt man es aber wie Siewerth als Urteil - näher: als das erste Urteil, das Widerspruchsprinzip - so scheint mir damit der wirkliche Sinn ursprünglicher Wahrheit nicht richtig getroffen.

Muß man das ursprünglich eröffnete Nichts als eine Gegenbewegung gegen das Sein verstehen, die von diesem her "abgewiesen und entmächtigt [entmäch-

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tigt] wird", dann ist der erste Wahrheitsvollzug in der Tat das negative Urteil des Widerspruchssatzes. Dann scheint aber auch das zu sich selbst gekommene Sein nicht anders seine Unbetroffenheit durch das Nichts erweisen zu können, als indem es sich gegen es absetzt - und darin seine Betroffenheit zeigt.

Nun hat G. Siewerth - in der sein ganzes Schaffen bestimmenden Auseinandersetzung mit Hegel - deutlich genug betont, daß der Abweis des Nichts durch das Sein so gerade nicht zu verstehen sei.

"Dies aber (sc. daß das Sein in seinem Wesen nicht-Nichtsein sei) bedeutet nicht, daß das Sein als das Nichten des Nichtseins währt, sondern daß es selbst vom Nichtsein überhaupt nicht betroffen ist - in dem Sinne, wie in der Aussage, 'der Mensch ist nicht ein Stein', nicht gesagt ist, daß der Mensch dadurch Mensch ist, daß er den Stein negiert oder negierend aufhebt. Er hat vielmehr mit dem Stein gar nichts zu tun. Wenn das aber vom Sein ausgesagt wird (daß Sein mit dem Nichtsein nichts zu tun hat), so kann die ausgedrückte Verneinung auch am Sein als solchem gar nicht angetroffen werden, so wenig der Stein gefunden wird, wenn der Mensch in die Erscheinung tritt" (6).

Es ist aber zu fragen, ob Siewerths Versuch, das thomanische Wahrheitsverständnis im Bedenken des Nichts - das "vielleicht ... das vergessene Transzendentale schlechthin" sei (7) - weiterzuentfalten, der Hegelschen Konsequenz wirklich entrinnt.

Siewerth hat zwar einerseits klar hervorgehoben, daß das Nichtsein als der "Äther der Vernunft", in dem sie - vom Nichts her das Sein durchmessend - die notwendige Positivität des Seins erfaßt, so vom Sein her abgewiesen wird, daß das Sein als vom Nichts überhaupt nicht tangiert hervorgeht (8). Das "Gemächte des Logos" hat Siewerth so entschieden als "Ohnmacht" gekennzeichnet, daß schließlich fraglich wird, ob er mit solchen Aussagen dem notwendigen Bemühen rationalen Analysierens und Synthetisierens noch gerecht zu werden vermag (9).

Anderseits erscheint das "Nichts schlechthin", die Mitgift der Vernunft, doch auch wieder geradezu als ihre Würde und Auszeichnung vor allem Seienden, insofern sie die Möglichkeitsbedingung dafür ist, daß das "ens" zu einem "verum" wird (10).

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"Die Potentialität oder Möglichkeit der empfänglichen Vernunft ist früher und ursprünglicher als die Potentialität der ersten Materie: Also bedeutet sie die letzte Opposition zum Sein als Sein, die nur noch mit dem 'reinen Nichts' oder dem absoluten Nichtsein umschrieben werden kann. Durch dieses 'Nichtsein' aber ist die Vernunft allem endlichen Seienden vorweg, so daß sie in ihrer 'Teilhabe an der ersten Wahrheit' ursprünglich dort wurzelt, wo das Sein selbst durch Gottes Macht aus dem Nichtsein entspringt. Daraus folgt, daß der Geist nicht durch die Positivität des Seins und des Seienden bestimmt ist, sondern in seiner Empfänglichkeit den Abgrund der Nichtigkeit und des Nichtseins umfaßt, der allem Seienden transzendent ist und doch in seiner Nichtigkeit von ihm ausgeschlossen ist.

Indem der Geist diese Tiefe von Nichtigkeit in sich birgt, steht er gegenüber jeder endlichen Weise von Sein in einer metaphysisch, d.h. vom Sein her erhellbaren Opposition. Er ist als solcher in der Tat das 'Andere' des Seins, das nun durch eine 'Convenientia', durch ein Übereinkommen sich als 'Wahrheit' konstituieren kann, ohne damit in die Aporetik einer 'Relation zwischen verschiedenen Seienden' zu geraten" (11).

"Also geschieht hier das Wunder der Wahrheitsrelation: Sie ist die Aufhebung der Verschiedenheit, die im Nichtsein gründet, auf das Sein hin, wodurch dieses in seiner Selbigkeit mit sich selbst hervortritt und zugleich in der immanenten Tätigkeit des erkennenden Subjekts sich in ihrer Aufhebung als Wahrsein bekundet. 'Aufhebung' besagt hier genau das, was Hegel mit dem Wort zum Ausdruck bringt: nämlich eine nichtende, bewahrende Vollendung (Erhebung). Die negierte (nichtige) Möglichkeit des Verstandes bleibt als Ermöglichung des Erkennens im Urteil erhalten ..." (12)

Im Horizont transzendentalphilosophischen Denkens hieße das aber, daß die Nichtigkeit der empfangenden Vernunft es ist, die das Sein selbst in seine eigentliche Würde bringt: ohne das Nichts bliebe es bloße Unbezogenheit und Unreflektiertheit, erst in der Entgegensetzung gegen das Nichts kommt es zu sich selbst; wahres Sein wird es erst aus dem es durchmessenden Nichts der Vernunft.

Dieser Konsequenz ist nur dann zu entgehen, wenn das von Siewerth beschriebene Ereignis der Wahrheit sich darin als abkünftig von einer ursprünglicheren Wahrheit charakterisieren läßt, daß die menschliche Vernunft selbst die Erkenntnis der Positivität durch Negation als die Bedingung ihrer gegenüber der göttlichen Selbsterkenntnis andersgearteten Weise des Erkennens erfaßt. Diese Möglichkeit scheint aber dadurch verstellt, daß Siewerth das "Nichts schlechthin", das "reine Nichts", das "absolute Nichtsein", die letzte Opposition zum Sein als Sein" (13) - die Mitgift der empfangenden Vernunft und gerade als solche der "Abgrund ihrer Potentialität" - als ein "transcendentale" zu fassen bemüht ist, das also dem "ens" als solchem zugehört, insofern es "verum" ist.

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Dem entspricht, daß G. Siewerth vom "Thomismus als Identitätssystem" an bis zu seiner späten Abhandlung "Die Differenz von Sein und Seiend" (14) auch die Selbsterkenntnis des absoluten Seins darin gegeben sieht, daß Gott das Andere seines Seins, das absolute Nichtsein entspringen läßt.

"... wenn das Nichtsein dem endlichen Denken als solchem entspränge, (wäre) das Absolute selbst lautere Positivität, reine Sichselbstgleichheit, die aus ihrer Unendlichkeit nicht nur nichts Endliches entspringen lassen könnte, sondern das 'Unendliche' im spezifischen Sinne der Nichtendlichkeit gar nicht zu denken und zu verstehen vermöchte. Deshalb ist die Annahme notwendig, daß es zum Wesen der Vernunft als solcher gehöre, das 'Nichtsein' im Seinsverständnis irgendwie mitzuverstehen" (15).

"... auch der seine Unendlichkeit durchdringende Geist (ist) nicht zu denken, ohne daß er auf Grund seiner seinshaften Differenz auch seine 'Andersheit' denkend entspringen läßt. Ist Gott 'das einfache Sein selbst' in seiner sich durchdringenden dreifachen Subsistenz, so kann seine 'Andersheit' nur als 'Nichtsein' und als 'Nicht-Einheit' gedacht werden" (16).

Wie aus der oben zitierten Stelle (17) ersichtlich, gewinnt Siewerth den Sinn des Nichts als ursprünglichen Maßgrund des Seins aus dem Wesen der empfangenden Vernunft. Daß er diesen Sinn von Nichts auf Vernunft überhaupt überträgt, scheint mir ein verhängnisvoller Gedankenschritt in seinem Werk (18).

Aus der von uns vorgelegten Analyse des Staunens und der darin implizierten ursprünglichen Differenz legt sich ein anderes Verständnis des Nichts nahe. Im ursprünglichen Vernehmen von "Sein" - im Vernehmen der sich absolut gewährenden Freiheit Gottes - entspringt zwar eine ursprüngliche Erkenntnis des Nichts. Diese bezieht sich aber so wenig auf das sich gewährende Sein, daß man hier nicht von einem "durchmessenden Begreifen des Seins" nach dem Maße des absoluten Nichtseins

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sprechen kann und der Widerspruchssatz als das Urteil, in dem die Vernunft den Seinssinn gegen ein ursprünglich waltendes Nichts erhält, hier keinen Platz hat. Die "Gegenbewegung des Nichts" hat vielmehr allein in der Selbsterkenntnis Raum: Insofern die absolute Selbsterfahrung eine Erfahrung von Huld ist, erkennt sich das Ich als ein Nichts gegenüber der sich gewährenden Freiheit Gottes. Der "Widerspruch" klafft gerade dadurch auf, daß das offenbare Sein schlechthin positiv ist und von sich her nicht den leisesten Gedanken von Nichts aufkommen läßt, dieses Sein aber als das Sein des Ich im Selbst des Ich ins völlige Nichts gehalten ist. Zu überwinden ist also der Widerspruch im Selbstverständnis - was nur in einem Akt der sich loslassenden Freiheit geschehen kann, der alles Gottes sein läßt und die völlige Armut des Ich - als eines "Selbst" gegenüber Gott betrachtet - anerkennt.

Nur wenn dieser Akt nicht vollzogen wird und die menschliche Vernunft das Nichts gegen das sich zeigende Sein hält (19), muß sie diese Gegenbewegung gegen das Sein vom Sein her überwinden.

Aus der Selbsterkenntnis weiß das Ich zwar, daß das absolute Sein sich ins Nichts hinein ereignet hat, wenn immer der Mensch zu sich selbst gekommen ist, daß Gott also die Möglichkeit hat, sich ins Nichts zu entäußern. Dieses Nichts aber aus der Sicht Gottes nachzudenken - etwa mit Siewerth als das andere des unendlichen Seins, durch das hindurch der göttliche Geist sich selbst erkennt -, ist aus der ursprünglichen Erfahrung des Nichts nicht ermöglicht. Das in der menschlichen Vernunft ursprünglich aufleuchtende Nichts ist lediglich der Reflex des empfangenden Vernehmens. Wie sich in Gott selbst die ursprünglichste aller Differenzen austrägt, ist nicht auf dem Wege metaphysischer Spekulation zu erdenken, sondern vielleicht annähernd dann zu erahnen, wenn das Ich den Widerspruch in seinem Selbst überwunden, seine Absolutheit und seine Armut darin zusammengebracht hat, daß es sich ganz in die sich gewährende Freiheit Gottes losließ.

4.2 Das Nichts als Differenz des Seienden zum Sein

Von der ursprünglichen Differenz und Weise des Nichts verschieden, jedoch für das faktische Vernehmen unlösbar damit verknüpft ist die Differenz des (begegnenden) Seienden gegen das Sein und das in ihr sich zeigende Nichts. Hierin stimmt unsere Darlegung mit der Siewerths überein [über-

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ein]. Ebenso darin, daß das Wesen des Urteils in der Überwindung des gegen den Seinssinn aufbrechenden Nicht-Seins auf das Sein des Seienden hin besteht.

Eine erste Abgrenzung gegenüber Siewerth haben wir insofern vorgenommen, als wir den ursprünglichen Wahrheitsvollzug nicht als Urteil fassen konnten. Eine zweite wird in der Bewertung der Vernunfttätigkeit in bezug auf die Wahrheit des Seins des Seienden bestehen.

G. Siewerth hat nicht nur die Nichtigkeit der empfangenden Vernunft gegenüber der sich zeigenden unbedingten Positivität des Seins hervorgehoben, sondern weitgehend auch die Verstandestätigkeit gegenüber dem in "ontologischer Differenz" erscheinenden Seienden als ein nichtiges Gemächte beschrieben. Der rationale, "Intentionen" und Begriffe auf das Seiende hin entwerfende Verstandesdiskurs sei von der ursprünglichen Mitgift der Vernunft, dem Nichts her von Grund aus bestimmt. Solange sich daher die Vernunft im Durchspielen ihrer logischen Möglichkeiten, in der Reflexion auf ihre Verstandesbegriffe, im verschärfenden und verdeutlichenden Artikulieren aufhalte, treibe sie sich im Wesenlosen herum und sei noch nichts für die Erkenntnis des Seienden gewonnen.

Die Wahrheit werde erst im Urteil vollzogen, in dem das Seiende die auf es hin vollzogenen "Intentionen" abweist oder in sein Wirklichsein einwurzelt (20). Siewerth betont hierbei vor allem den Abweis, den der in bloßen Möglichkeiten webende Verstand vom Wirklichen her erfährt und der sich im wahrheitstiftenden Urteil ausdrückt.

"Alles Begreifen oder Erkennen ... vollzieht sich in 'Urteil' und 'Schluß', deren Wesen ist, nicht 'Begriffe zu verknüpfen', sondern 'Wirkliches', das 'ist', in seiner Offenbarkeit aufzuzeigen, d.h. es als 'wahr' zu enthüllen und zu bestätigen. Sofern dies aber stets eine 'Festigung' und 'Erhellung' zugleich ist, so vollziehen sich Urteil und Schluß stets im Modus einer abweisenden Heraushebung dessen, was 'ist', 'anwest' und 'west'. Was aber abgewiesen wird, ist der Schein der Erscheinung, die als Affizierung des Subjekts und als Akzidens des sich entäußernden und darstellenden Wirklichen notwendig den Charakter eines Quale oder eines 'nur Möglichen' zu eigen hat. Da eine solche Abweisung aber nur sinnvoll ist, wenn ein möglicher oder nahegelegter oder ein sich unmittelbar anbietender irriger Zusammenhang (also ein Schein in der Erscheinung) vorliegt, so ergibt sich,

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daß am Ursprung die Versuchung und der Versuch einer fragwürdigen 'Synthesis', also ein ungerechtfertigter Entwurf des diskursiven (des vorstellend oder begrifflich einigenden) Denkens statt hat, der freilich an dem, 'was ist' und 'sich als wesend und während' zeigt und durchhält, scheitert. Die Abweisung' geschieht daher vom Sein her, das sich gegen den im Schein und der Erscheinung sich umtreibenden Discurs der Ratio durchsetzt und behauptet. Also ist es die 'Wahrheit des Seins', die umso mehr der vernehmenden Vernunft einleuchtet, als die Verstandesbewegung (der rationale Diskurs) sich auflöst. Das erste (notwendig negative) Urteil, der Widerspruchssatz, ist daher in keinem Betracht eine 'Synthesis', sondern umgekehrt die Enthüllung von deren Unmöglichkeit und Nichtigkeit im Angesicht der von sich her aufleuchtenden Substanz des esse firmum et solidum et quasi per se existens'" (21).

"Indem ihm (sc. dem Geist) Erscheinung wie Begriff vor dem Seienden nichtig werden, erfährt er das ihm eigene 'Wort' als ein 'nichts-sagendes' Gemächte. Indem das Seiende dieses 'Nichtssagende' verneint, bereitet sich das Erkennen im Innern seiner selbst, im Schoßraum seiner Potentialität, zur Geburtsstätte des Wahrheitswortes, das, dem 'Seienden' zugesprochen, sich gegen alles nur Begriffliche im Seienden verfestigt" (22).

Die Leidenschaft, mit der Siewerth unermüdlich die Lehre des Thomas von Aquin unterstrich, daß die Wahrheit in dem das Sein blicken lassenden Urteil, nicht aber in einer Synthesis von Begriffen bestehe, erklärt sich aus seinem entschiedenen Kampf gegen allen "Begriffsrationalismus' der Scholastik nach Thomas und in der Neuzeit. Wird seine vorwiegend negative Bewertung der Verstandestätigkeit aber ganz der Wirklichkeit gerecht?

Siewerth selbst hat doch die Nichtigkeit und den Schein durchaus nicht nur der Sphäre der Vernunft zugeordnet, sondern ebenso in dem verwirrenden Erscheinen des Seienden gesehen.

" ... der 'verwirrende Schein' (ist) eine positive Bestimmung des endlichen Seins, ohne den dieses gar nicht gedacht werden kann. Die Ursache der Täuschung, die 'Ähnlichkeit', ist auch die Ursache der Erscheinung des Seins in seinen Accidentien. Auch in ihm gibt es daher Ordnung und Wege zur Wahrheit und zum Guten, wenn sie auch verborgener und unwegsamer und vermittelnder sind als andere weniger gefährdende Erscheinungen" (23).

Waltet aber der Schein im Anwesen des Seienden selbst und ist dieses nicht schlechthin positiv vom absoluten Seinssinn, sondern ebenso durch das Sichentziehen des Seins als nichtig bestimmt, dann muß die Tätigkeit

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der Vernunft und ihr Bemühen, in Begriffen Halt zu gewinnen, zunächst positiv beschrieben werden. In der Mannigfalt der Seienden, in der eines hinter das andere zurücktritt oder gänzlich vergeht und anderem Platz macht, in der das Seiende zwischen berückender Macht und bestürzender Ohnmacht schwankt, versucht der Mensch, sich auf den ihm ursprünglich eröffneten Seinssinn hin zu orientieren, der sich als vollendete Einfalt von Seiendem und Sein, als bestehende Wirklichkeit und Ordnung gezeigt hat. So sehr dies eine Eröffnung des Seins im Seienden war, erhält sich der ursprüngliche Seinssinn doch nur im Gedächtnisgrund der Vernunft, sobald sich die Grenze und Nichtigkeit der Seienden erweist. Nur aus der Tiefe "gesammelter" Erfahrung vermag der "Logos" daher die Mannigfalt der Erscheinungen auf ein Einiges hin zu bewegen. Aus seiner - der ursprünglichen Eröffnung des Seins im Seienden verdankten - unendlichen "Apriorität" vollzieht er daher gegenüber dem bloß "Aposteriorischen" - dem hier und jetzt begrenzt anwesenden Seienden durchaus eine schöpferische "Synthesis" aus dem je schon Begriffenen. Und sofern sich das Sein im anwesenden Seienden entzieht, ohne jedoch aufzuhören, die Vernunft aus ihrer Gedächtnistiefe her zu bewegen, ist der Verstand genötigt, auf seine "Begriffe" zurückzugehen und sie zu durchlaufen: der rationale Diskurs ist für das wahre Urteil so unabdingbar wie der einfache Hinblick auf die Sache selbst, die außerhalb des Augenblicks des Staunens jeweils nur eine begrenzte Erscheinung vermittelt. Das wahre Urteil als Überwindung eines Nichtigen ist daher nicht nur und zunächst der Abweis einer dem Seienden vom Verstand her angetragenen nichtigen Affektion, sondern der Abweis des Scheins, unter dem das Seiende durch den Entzug des Seins steht, aufgrund der die Mannigfalt der Erscheinungen sammelnden und ordnenden Gedächtnistiefe und Verstandeskraft der Vernunft (24).

ANMERKUNGEN

1 Ebd. 202 f.

2 Ebd. 217 f.

3 Erstmals 1956, in: Grundfragen 11-40.

4 Grundfragen 21 f.; vgl. Metaphysik der Kindheit (1957) 59 f.; Die transzendentale Selbigkeit und Verschiedenheit des ens und des verum bei Thomas von Aquin (abgek.: ens und verum), erstmals 1958, in: Grundfragen 101-107; Schicksal (1958) 44 f., 388 f., 483-486.

5 S. Kap. IV, § 3, II, 3, c.

6 Schicksal 484, vgl. den ganzen dortigen Zusammenhang 483-486.

7 Ens und verum, in: Grundfragen 107.

8 "Wird also gesagt, 'das Sein sei notwendig nicht Nichtsein', so drckt diese Notwendigkeit ein Dreifaches aus: die gen”tigte Ohnmacht des nichtigen Unwesens des Logos, die Wende der Not des Unwesens in die Freiheit des Vernehmens des Seins, und von seiten des Seins die ungen”tigte, unbetroffene šbermacht, die alles Unwesen und Nichtsein ohne Not abweist, ins eigentliche Wesen n”tigt, und in dieser N”tigung ins Vernehmen des ungen”tigten Seins befreit" (Schicksal 486).

9 S. u. § 4,2.

10 S. bes., ens und verum, in: Grundfragen 92-107.

11 Ebd. 103.

12 Ebd. 106, unsere Hervorhebung.

13 Ens und verum, a.a.O. 103.

14 In: Grundfragen (1963, hier original ver”ffentlicht) 142-237.

15 Thomismus 39.

16 Die Differenz von Sein und Seiend, in: Grundfragen 153. Auf die von hierher durch Siewerth entfaltete "Seinsemanation" und die damit verbundene Frage, ob Siewerth in dieser deduktiven Erhellung von Metaphysik wirklich die Hegelsche Verspannung von Gott und Sch”pfung berwindet, k”nnen wir hier nicht eingehen. - Zur Aporie jeglichen Versuchs einer Ableitung von Einzelbestimmungen aus dem Absoluten s. bes. W. Schulz, Das Problem der absoluten Reflexion 339-347.

17 Definition und Intuition, Grundfragen 21 f.

18 Wenn Siewerth auch an der o. g. Stelle (Grundfragen 103) die Potentialit„t der empf„nglichen Vernunft als das "absolute Nichtsein" umschreibt, so hat er doch andernorts dieses Nichtsein des rezeptiven Geistes von dem "absoluten Nichtsein" in der Idealit„t Gottes abgehoben. Das Nichtsein der menschlichen Vernunft wird dort als eine "nachbildliche Participatio des absoluten Nichtseins ... begriffen ..., das in der Idealit„t Gottes waltet" (Schicksal 44). Hiermit ist jedoch die L”sung der Schwierigkeit nur begrifflich angedeutet, nicht aufgewiesen.

19 Dies kann aus der sich verweigernden menschlichen Freiheit dann erfolgen, wenn das ich seine Absolutheit nicht mit seiner Armut zusammendenken will und dementsprechend einen solchen "statischen" Begriff von "absolutem Sein" entwirft, der die Selbstent„uáerung als ein Anderes dieses Seins faát. Der ursprngliche Sinn von absolutem Sein

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impliziert hingegen die Selbstent„uáerung als das ihm innere Wesen. Das im ursprnglich offenbaren Sein waltende "Nichts" (das Absolute als freies Sich-Gew„hren an ein ihm gegenber Nichtiges) er”ffnet keinen Widerspruch gegen das "Sein selbst", der von der Vernunft berwunden werden máte.

20 Vgl. Die Abstraktion und das Sein 20 ff., 38 f.; Philosophie der Sprache 87 ff., 134 f.; Schicksal 227 ff., 254 f., 391 ; Definition und Intuition, in: Grundfragen 18 ff., 37 f.; ens und verum, in: Grundfragen 104 f.

21 Die Abstraktion und das Sein 20-22.

22 Philosophie der Sprache 88.

23 Willensfreiheit 31, vgl. auch die Abhandlung "Die Differenz von Sein und Seiend", in: Grundfragen 142-237 u. bes. den frhen Beitrag "Christentum und Tragik" (1934), in: Grundfragen 295-300.

24 Neben der mehr negativen Bewertung der rationalen T„tigkeit findet sich bei Siewerth allerdings auch eine positive Betrachtung der Vernunftbewegung, insofern sie den analogen Seinssinn aus der Vielfalt der Erscheinungen vermittelt (s. bes.: Die Analogie des Seienden 41 f., 47, 56 ff.; vgl. auch Sein als Gleichnis Gottes 26 f.). Hier wie dort ist

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jedoch das Seiende - auch in der Differenz seiner vielf„ltigen Erscheinung - durchaus positiv gesehen. Die Not der Dialektik von Frage, Urteil und Zweifel wird letztlich dem Verfall des Denkens zugeschrieben, w„hrend das Seiende in seinem Seinssinn, bei aller waltenden Differenz, ungebrochen scheint. - Wir konnten hier natrlich nicht die gesamte Urteilslehre Siewerths, sondern nur einige im Hinblick auf unsere Fragestellung besonders wichtig scheinende Zge skizzieren.


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