Franz Carl Grieshaber

Grieshabers Vermächtnis

Die Säkularisation der Klosterbibliotheken im ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhundert hatte nicht nur die Überführung dieser Sammlungen in fürstlichen und öffentlichen Besitz zur Folge. Sie bedeutete zugleich auch eine allgemeine Belebung des Buchmarktes und ermöglichte es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vielen Gelehrten, ihre privaten Büchersammlungen mit wertvollen Drucken und Handschriften anzureichern und Handschriften- und Quellenforschung sozusagen am "eigenen Objekt" zu betreiben. Nicht wenige unter ihnen überließen diese Sammlungen schließlich ihrer Universität und akzentuierten ihr Sammler- und Forscherleben mit mäzenatischer Geste.

Auch die Universität Freiburg verdankt Professorenvermächtnissen des 19. Jahrhunderts viel. So sind die Legate des Freiburger Alttestamentlers und Orientalisten Johann Leonhard Hug  (1765–1846) und weiterer mit ihm freundschaftlich verbundener Gelehrter an die Freiburger Universitätsbibliothek zu herausragenden Bereicherungen des Bestandes geworden.  Zu diesem Netzwerk sammelnder und mit einander kommunizierender Gelehrter um Hug gehörte vor allem auch Franz Carl Grieshaber, der 1861 testamentarisch große Teile seiner Bücher- und Handschriftensammlung der Freiburger Universität vermachte und aus dessen Nachlass - nach Rechtstreitigkeiten um einzelne Stücke - schließlich 44 meist theologische Codices, 66 lateinische und deutsche mittelalterliche Handschriftenfragmente und zahlreiche Inkunabeln Eingang in die heutigen Historischen Sammlungen der Universitätsbibliothek fanden. Die meisten der Handschriften tragen einen eigenhändigen Besitzvermerk Grieshabers und können daher eindeutig seiner Sammlung zugewiesen werden; sie sind in den Handschriftenkatalogen der Bibliothek wissenschaftlich beschrieben. Die alten Drucke aus Grieshaber-Besitz wurden noch im 19. Jahrhundert in den Buchbestand der Universitätsbibliothek Freiburg ohne ausdrückliche Kennzeichnung integriert; erst in den letzten Jahren wurden eingetragene Besitzvermerke von Fall zu Fall in den Bibliothekskatalogen nachgetragen. Erweitert wird die Sammlung Grieshaber durch Dokumente des eigentlichen Nachlasses: Manuskripte Grieshabers, Notizen, Briefe und verschiedene Objektbestände, wie beispielsweise seine Sammlungen an Wachs- und Papiersiegeln. Diese Dokumente sind heute als Nachlass unter der Signatur NL4 erschlossen und inzwischen in der Nachlassdatenbank Kalliope recherchierbar.

Handschriftenkataloge der Bibliothek

Dokumente des eigentlichen Nachlasses

Biographisches

Franz Carl Grieshaber (1798–1866) studierte Theologie und klassische und deutsche Philologie in Freiburg; zu seinen akademischen Lehrern zählte Johann Leonhard Hug. Aus dem Lehrer-Schüler-Verhältnis entwickelte sich eine Freundschaft, die bis zu Hugs Tod 1846 bestand. Nach Priesterweihe 1821 und kurzer Lehrtätigkeit  in Freiburg 1825, ging Grieshaber von 1826–1857 als Gymnasialprofessor an das Lyzeum in Rastatt. Seine schriftstellerischen Aktivitäten und seine wissenschaftlichen Interessen ließen ihn mit zahlreichen Persönlichkeiten seiner Zeit in Verbindung treten, neben Ernst Moritz Arndt, Jacob Grimm, Ludwig Uhland, Wilhelm Wackernagel vor allem auch mit Joseph von Lassberg (1770–1855) und Franz Pfeifer (1815–1868). Gerade der Austausch mit dem Schweizer Germanisten Franz Pfeiffer kam entscheidend Grieshabers eigener Beschäftigung mit mittelalterlichen deutschsprachigen Texten und Handschriften entgegen. Pfeiffer widmete sich der Erforschung der mittelhochdeutschen Literatur - wobei  er wiederum auf die Unterstützung durch Lassberg setzen konnte -, edierte zahlreiche deutsche Schriftdenkmäler und gründete 1856 die Zeitschrift "Germania. Vierteljahrsschrift für deutsche Alterthumskunde". Grieshaber konnte über Pfeiffer nicht nur Handschriften erwerben, er erhielt sie im Einzelfall auch als Freundschaftsgeschenk, so eine Handschrift  aus der Mitte des 15. Jahrhunderts mit der deutschen Übersetzung des Psalmenkommentars des Nikolaus von Lyra durch Heinrich von Mügeln, wie der Eintrag zeigt: "Meinem lieben Freunde F. K. Grieshaber - Prof. am Lyceum in Rastatt - zum Christfeste 1844. Stuttgart - Fr. Pfeiffer" (UB Freiburg Hs. 469). Pfeiffer war es auch, der Grieshaber veranlasste, bei einem Antiquar in Augsburg ein Fragment der Handschrift Q des Nibelungenlieds zu erwerben (UB Freiburg Hs. 511), um es dann 1856 in der Zeitschrift "Germania" zu edieren.

Grieshabers Motivation

Das Bewahren deutscher Sprachdenkmäler entsprach durchaus Grieshabers Sammelmotivation. Aber in vielen Beispielen wird deutlich, dass dies sich für ihn mit einer regionalgeschichtlichen Komponente verband. So stammt eine beträchtliche Zahl der Handschriften seiner Sammlung aus den Bibliotheken säkularisierter Klöster des süd- und südwestdeutschen Raums; von den Handschriften des 16. und 17. Jahrhunderts waren etliche in diesen Klöstern selbst geschrieben. Andere Stücke, wie  die sog. Oberrheinische Chronik, eine in der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts wohl in der Nordschweiz entstandene deutschsprachige Handschrift (UB Freiburg Hs. 473), weckten sein besonderes sprach- wie regionalgeschichtliches Interesse und führten zur Edition des Manuskripts. Im Vorwort zu der 1850 im Druck erschienenen und Lassberg gewidmeten Ausgabe der Chronik benennt er die sprachlichen und inhaltlichen Besonderheiten der Handschrift, die ihn zu ihrer zeitlichen und regionalen Einordnung führten. Er stellt die Handschrift in den Kontext anderer deutschsprachiger Chroniken und zieht den Schluss, dass es sich bei ihr um "die älteste bis jetzt bekannte in deutscher Prosa" handle. Grieshabers Edition ist seit 2006 auch in einer Digitalausgabe der Universitätsbibliothek Freiburg im Internet zugänglich; ebenso zahlreiche weitere Veröffentlichungen Grieshabers.

Der optische Reiz einer Handschrift, ihr Schmuck und ihre besondere Ausstattung waren für Grieshaber - anders als für Hug - sicher keine vorrangigen Sammelmotive. Daher gibt es auch nur wenige Stücke in seiner Sammlung, die durch Bildschmuck auffallen. Hierzu gehört ein in das letzte Drittel des 13. Jahrhunderts datiertes Handschriftenfragment des  Versepos "Arabel" von Ulrich von dem Türlin (UB Freiburg Hs. 521). Erzählt wird die Vorgeschichte zur "Willehalm"-Dichtung Wolframs von Eschenbach. In kleinen Miniaturen dargestellt ist der Passus, wie der gefangene Wilhelm die Liebe Arabels gewinnt und mit ihr über das Meer fliehen kann. 

Bedeutung für die Region

Für seine philologischen und geschichtswissenschaftlichen Arbeiten und Verdienste wurde Grieshaber mehrfach geehrt; 1856 verlieh ihm die Universität Freiburg die Ehrendoktorwürde. 1866 starb Grieshaber in Freiburg, wohin er aus Rastatt nach seiner Pensionierung zurückgekehrt war. Seine Nachlassschenkung an die Freiburger Universitätsbibliothek verdeutlicht auf Schönste die lebenslange Verbundenheit mit seiner Universität. Weitere Stiftungen aus der nachgelassenen Büchersammlung an das Bertold-Gymnasium seiner Heimatstadt Freiburg und Donate an das Gymnasium in Rastatt, seiner langjährigen Wirkungsstätte als Gymnasialprofessor, runden das Bild des großzügigen Schenkers ab.

So ist Franz Carl Grieshaber, der zeit seines Lebens als Sammler und Gelehrter der Region eng verbunden blieb und auch noch als Stifter bleibend die Verbindung zu Freiburg und Rastatt hielt, sicher eine ideale Persönlichkeit, um exemplarisch individuelle Beziehungsnetze zwischen Region, Stadt und Universität mit einer Ausstellung des Museums für Stadtgeschichte in Freiburg im Jubiläumsjahr der Universität Freiburg  zu beleuchten.

Dr. Angela Karasch

Universität Freiburg