Friedrich Zipp (1914–1997)

Friedrich Zipp: „Ich über mich“ – Kleines musikalisches Selbstporträt

„Erbe und Umwelt sind entscheidende Faktoren für die menschliche Entwicklung. Wenn ich also über mich selbst berichten soll, muß ich zunächst dankbar des musikalischen Erbgutes gedenken, das mir ein gütiges Geschick in die Wiege legte. Eine lange Ahnenreihe von Lehrer-Organisten und -Kantoren hat dazu beigetragen. Am 20. Juni 1914 kam ich in Frankfurt (Main) zur Welt. Die musikerfüllte Atmosphäre des Elternhauses war der rechte Nährboden, auf dem die früh sich regende Begabung gedeihen konnte. So gehörte Musik von Jugend an zu meinem Leben dazu und war nicht daraus wegzudenken. Es wurde gesungen, gespielt (zuerst Klavier, später Geige und Bratsche und schließlich auch Orgel, die Königin der Instrumente) und bei Gelegenheit dirigiert: dazu kamen erste Kompositionsversuche. Es bestand daher kein Zweifel, daß nach dem Abitur (1933) die Musik den Schwerpunkt des eigentlichen Studiums (in Frankfurt und Berlin) bilden sollte, wenn daneben auch andere Wissensgebiete (Theologie, Philosophie, Germanistik und Pädagogik) zur Beschäftigung reizten.

Für die Richtung meines kompositorischen Schaffens wurde vor allem die Begegnung mit Armin Knab bedeutungsvoll. Waren meine schöpferischen Arbeiten bis dahin fast ausschließlich Instrumentalwerke gewesen, so weckte dieser Meister der Liedkunst in mir erst so recht das Verständnis für das Geheimnis der von der menschlichen Stimme getragenen melodischen Linie und für den lebendigen Chorklang. Durch Knab - wie durch Fritz Jöde und Walter Rein, die ebenfalls zu meinen Lehrern zählten - wurde mir auch der Schatz besonders des alten deutschen Volkslieds vertraut. Es war darum kein Zufall, daß ich meine Staatsexamensarbeit über "Grundsätzliches zum Volksliedsatz in der Musikübung unserer Zeit" schrieb. Und seitdem fesselt mich die schöpferische Auseinandersetzung mit den gehaltvollen Weisen der Volkslieder und Choräle immer wieder aufs neue, vom zweistimmigen Satz angefangen bis zur großen Kantatenform. Von jeher hat die Kunst aus dem Quell der Volksmusik unverbrauchte Kräfte geschöpft, und es führt ein gradliniger Weg vom Volkslied bis hin zu L. v. Beethovens IX. Symphonie oder zu J. S. Bachs Matthäuspassion.

Im Hinblick auf die musikalische Sprache betrachte ich es als wertvollsten Ertrag der Berliner Lehrjahre, daß ich lernte, auch mit einfachen Mitteln eine musikalische Aussage zu machen, mit wenigen Tönen Wesenshaftes auszudrücken. Wenn der Maler Hans v. Marées meinte, die leichte Zugänglichkeit bleibe immer eine der schönsten Eigenschaften eines Kunstwerkes, und J. W. v. Goethe das Einfache und das Wahre in einem Atemzug nannte, so läßt sich dies wohl auch auf musikalische Schöpfungen anwenden. In der Besinnung auf die Einfachheit scheint mir überhaupt - sowohl vom Ausführenden wie vom Hörer aus gesehen - ein fruchtbarer Ansatzpunkt zu liegen, um wieder eine Brücke zwischen Kunst und Allgemeinheit zu schlagen, nachdem durch eine extreme Musikentwicklung eine schier unüberwindliche Kluft aufgerissen wurde.

Meine weiteren äußeren Lebensdaten seien im Telegrammstil genannt: Nach Ablegung der Prüfung für das höhere Lehramt und der A-Kirchenmusikerprüfung (1938) zunächst Tätigkeit als Studienreferendar in Frankfurt, daneben Organist und Chorleiter daselbst; 1940 Klavierlehrer am Musischen Gymnasium (Kurt Thomas); 1941–45 Militärdienst und amerikanische Kriegsgefangenschaft; seit 1945 wieder in Frankfurt als Kirchenmusiker, außerdem vielseitige Konzerttätigkeit und freie Mitarbeit am (späteren) Hessischen Rundfunk; 1947 Berufung als Dozent für Tonsatz und Gehörbildung an die Staatliche Hochschule für Musik, daselbst 1962 Ernennung zum Professor. Eine engere Verbindung zum Chorwesen ergab sich 1958, wo ich in den Musikausschuß des Hessischen Sängerbundes gewählt wurde, dem ich bis 1968 angehörte. Weitere ehrenamtliche Mitarbeit in den Kuratorien der "Amorbacher Orgelkonzerte", der Internationalen Odenwälder Orgeltage" sowie in kirchenmusikalischen Chor- und Posaunenverbänden; daneben literarische Beiträge zur Musikpraxis in Fachzeitschnften und Buchveröffentlichungen zu musikalischen Grundfragen. Nach Beendigung des Organisten- und Kantorendienstes sowie der Hochschularbeit erfolgte 1977 die Übersiedlung nach Freiburg i. Br., um mehr Muße für das kompositorische Schaffen zu haben.

Überzeugt, daß Musik zum Größten und Tiefsten gehört, das unserem Leben geschenkt ist, sehe ich meine vornehmste Aufgabe darin, diesen Reichtum möglichst vielen Menschen nahe zu bringen.“

aus: Friedrich Zipp: De Musica : Gesammelte Aufsätze. - Kassel : Merseburger, 1989. - S.146–147. (GE 89/9112).

Nachlass und Nachlassbearbeitung Friedrich Zipp

Friedrich Zipp, geboren am 20. Juli 1914, starb am 7. Oktober 1997 in Freiburg. Seinem Wunsch entsprechend wurde im Juli 1998 sein Nachlass von der Universitätsbibliothek Freiburg übernommen. Er umfasst neben dem publizierten musikalischen Schrifttum und den gedruckten Kompositionen Zipps seine Notenmanuskripte, Bearbeitungen, Vorstudien, Entwürfe und Notizen usw., aber auch seine umfangreiche Korrespondenz, Rezensionen zu Werk und Schriften und einige Einspielungen seiner Kompositionen auf Schallplatte und CD. Die übernommene Korrespondenz beinhaltet vor allem den Briefwechsel mit seinem Lehrer Armin Knab (1881–1951) aus der Zeit 1934–1951 und später dann mit dessen Witwe Paula Yvonne Knab (1892–1985), desweiteren den Briefwechsel mit Kollegen und Schülern und und schließlich ein Konvolut von Schreiben, die sich um die Begegnungen auf Schloss Elmau ranken. Die handschriftlichen Teile des Nachlasses sind vorgeordnet, werden aber zu gegebener Zeit nach den Richtlinien der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur Erfassung von Nachlässen weiter bearbeitet und eingehender erschlossen. Vorrang hat zur Zeit die Erfassung des umfangreichen Bestands an Notendrucken – mehrere Hundert Hefte Einzelausgaben, Chorblätter und Liederbücher – sowie der Musikmonographien und Tonträger. Die zum Nachlass gehörenden gedruckten Bestände (Literatur, Noten) werden innerhalb der betroffenen Signaturbereiche (MP, TM) als geschlossene Bestandsgruppen in fortlaufender Nummernfolge aufgestellt.

Bereits bearbeitete Bestände:
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Ziel ist es, einerseits das veröffentlichte kompositorische Werk Friedrich Zipps in absehbarer Zeit in der UB der Benutzung in vollem Umfang zur Verfügung zu stellen, andererseits mit Abschluss der Katalogisierung über ein Nachweisinstrument zu verfügen, das als Spezialverzeichnis zu Zipp und zugleich zu den Beständen in der UB Freiburg geschlossen abgerufen werden kann und das dann über das Internet auch Interessierten außerhalb Freiburgs zur Verfügung steht. Neben dem Werkverzeichnis, das in seiner neuesten Ausgabe 1989 abgeschlossen und gedruckt wurde (Signaturen LS: MUS 599 Zipp 1 und TM 91/3076,a), dürfte dieser Freiburger Bestandskatalog für alle Recherchen zu Leben und Werk Friedrich Zipps ein wichtiges Arbeitsinstrument werden.

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